Lyrik

Kapitel aktualisiert am 31.07.2018

I.
Mathematikerrätsel
In Parchim Edes Schwester wohnt.
Sie liebt den kleinen Klaus.
Doch Anke Label hatt‘ ihn satt
und zog aus seinem Haus.
[In diesem Vers sind die Nachnamen von sechs bedeutenden Mathematikern versteckt.]

II.
Johann Ludwig Wilhelm Gleim
An Herrn Euler
O Freund, der du die Sterne
des Himmels alle zählst!
Zählst Millionen Welten
und keine Zahl verfehlst.

Ausrechnest alle Körner
des Sandes an dem Meer
und aller Vögel Scharen
und aller Fische Heer.

Zählst alle Wassertropfen
im großen Ozean
und alle Sonnenstrahlen
auf jeder Sonnenbahn.

Du Wunder unsrer Zeiten,
du kannst, du kannst allein
von allen meinen Mädchen
der Rechnungsführer sein.

III.
Jakob Köbel [1460-1533] Lobgedicht der Mathematik
Pythagoras der sagt fürwar /
All ding durch zal wirdt offenbar.
Drumb sich mich an / verschmech mich nit /
Durchliß mich vor / das ich dich bit.
Vnd merck zum anfanck meine leer /
zu Rechens kunst / dadurch dich keer.
In zal / in maß / vnd in gewicht /
All ding von Got sein zu gericht.
Klerlichen Salomon das sagt /
On zal / on maß / Got nicht behagt.
Beschreybt vns auch sant Augustin /
Vnd mandt vns fleyßlich in dem sinn.
Sich sol kein mensch nicht vndersteen /
Kein Götlich / weltlich kunst begeen.
On Rechens art durch ware zal /
Bewert ist das in manchem fal.
Ein mensch dem zal verborgen ist /
Leichtlich der verfürt wirt mit list.
Diß nym zu hertzen / bit ich seer /
Vnd yeder sein Kind Rechen leer.
Wie es gen Got vnd welt sich halt /
So werden wir in eren alt.
Amen.

IV.
John Erpenbeck
Zwil
In einer Ebene lebte einmal
ein Wesen, das war zweidimensional
und hieß Zwil. Und hat schon in jungen Jahren
einst den zwielichtigen Lehrsatz erfahren:
„Unsere Ebenen sind endlich. Unendlich das All.
Und dieser Satz gilt in jedem Fall.“

Doch Zwil hat dann Geometrie getrieben,
Dinge durchdacht und aufgeschrieben,
vieles mit Sorgfalt gewägt und erwogen –
und ist dann auf eine Kugel gezogen.
Die schien ihm nämlich unendlich weit
in ihrer endlichen Endlichkeit.

V.
Ehrenfried Winkler
Der Kreis und die Geraden
Ein Kreis lag friedlich auf der Wiese
und wünscht‘, daß ihn in Ruhe ließe
die Nachbarschaft und die Bekannten,
die Vettern, Basen, Anverwandten.
Doch schon nach wenigen Minuten,
da hörte er ein Auto tuten.

Drei Grazien waren ausgestiegen
und sahen diesen Kreis dort liegen.
Die erste reichte ihm die Hände
und stellt sich vor als die Tangente,
indem sie ihn nur zart berührte,
so daß er kaum ein Fünkchen spürte.

Danach durchschnitt ihn die Sekante,
die hoffnungslos für ihn entbrannte.
Die kleine Sehne trat als Dritte
heran mit einer großen Bitte:
Sie wollte sich eng an ihn schmiegen;
im Endpunkt auf dem Kreise liegen.

Der Kreis, der Ruhe haben wollte,
zunächst darüber etwas grollte.
Doch schließlich willigte er ein,
den Grazien immer Freund zu sein.
Und mit der Zeit fand er Gefallen
an den Tangent – Se – Kanten allen.

VI.
Ernst Bühler
Der Würfel
Gleicher Höhe, Länge, Breite,
rechtgewinkelt jede Seite,
zeigt des Würfels klare Form
klares Maß und klare Norm.

Weit entfernt vom Raum der Kugel,
die dem Himmel zu vergleichen,
sind des Würfels Kanten, Ecken
ganz und gar ein irdisch Zeichen.

Doch die Last der Erdenschwere
ist des Lebens bester Teil,
ist des Menschen beste Lehre
und am Ende auch sein Heil.

VII.
Verfasser unbekannt
Die 6 und die 8
Eine 6 und eine 8 stritten einmal um die Wette,
wer an Wert wohl und an Macht
etwas mehr bekommen hätte.
Sprach die 8 voll Spöttelei:
„Nun das wissen alle Leute,
dass ich ganz genau um 2 mehr
als du seit je bedeute.
Zähle nur: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, ich bitte,
du hältst zwischen 4 und mir,
wie du hörst, genau die Mitte.“
„Lächerlich, du eitler Tropf.“,
sagte drauf die 6 und stellte
sich ganz plötzlich auf den Kopf.
„Weißt du jetzt, wie viel ich gelte?“
„Wie, du schweigst? Ei, sieh doch her,
bin jetzt 9, du kecke Liese.
Ergo folglich um 1 mehr als die 8 – nach Adam Riese.
Mach mir’s nach, du hast die Wahl.
Sieh, du bleibst dieselbe immer.
Wenn du dich auch tausendmal auf den Kopf stellst,
du wächst nimmer.“
Da, die 8 ließ ab vom Hohn,
ging voll Kummer sachte in sich,
ob der klaren Subtraktion und
der Wahrheit tief und binsig.
Und aus Kummer, Gram und Leid,
die doch – ach! – so niederdrücken,
legte sie sich todbereit, bald zu sterben,
auf den Rücken.
Kam ein Mathematiker, sprach zu ihr:
„Ich bin erkenntlich,
schiebe deinen Kummer weg,
ich erhöh dich zu unendlich.“

VIII.
Ehrenfried Winkler
Das verunglückte Rechteck
Ein Rechteck fuhr mit dem Quadrat
auf einem schnellen Motorrad.
Doch kamen beide nicht sehr weit!
Zu hoch war die Geschwindigkeit.
Woran sie beide nicht gedacht,
in einer Kurve hat’s gekracht.
Sie rammten eine Häuserwand,
an der man sie verunglückt fand.
Nun waren beide Invalid:
ein Rhombus und ein Rhomboid.

IX.
Ehrenfried Winkler
Ellipse
Ein hoffnungsvoller junger Kreis
lief Schlittschuh auf dem blanken Eis.
Sich rühmend, dass er kerngesund
und außerdem – natürlich rund –
wollt‘ er besonders hoch hinaus
und führte tolle Sprünge aus.
Der ungestüme Übermut
bekam ihm aber gar nicht gut.
Am Sturz, den er sodann gebaut,
hat er sein Leben lang gekaut.
Der Mittelpunkt war ihm verrückt,
sein Radius in zwei zerstückt.
Als Kreis war’s nun mit ihm vorbei,
er glich jetzt eher einem Ei
und hieß Ellipse als Figur,
die niemals mehr auf Schlittschuh’n fuhr.

X.
Ehrenfried Winkler
Die Null auf der Bank
Auf einer Bank im Sonnenschein
saß – wertlos – eine Null allein,
und niemand nahm von ihr Notiz,
nicht ein Passant, nicht die Miliz.

Da kam die Eins des Wegs daher,
zur Bank, die sozusagen leer.
Und setzt‘ sich ohne weitern Sinn
vor jene Null ganz einfach hin.

Im Augenblick war’s eine Zehn,
und eine Frau blieb vor ihr stehn.
Sie hat dann sofort nachgedacht
und eine zweite Null gebracht,

woraus die Hundert nun entstand
und allgemeinen Beifall fand.
Denn wer vorbeikam, dem gefiel
das attraktive Zahlenspiel.

Sechs Nullen waren angehängt
und hatten sich kaum angestrengt.
Die Eins, die sprang zur Seite,
und jene Bank war pleite.

XI.
Adam Riese (1550)
Unten an einer schönen Linden
war gar ein kleiner Wurm zu finden.
Der kroch hinauf mit aller Macht,
acht Ellen richtig bei der Nacht,
und alle Tage kroch er wieder
vier Ellen dran hernieder.
Zwölf Nächte trieb er dieses Spiel,
bis dass er von der Spitze fiel,
am Morgen in die Pfütze,
und kühlt sich ab von seiner Hitze.
Mein Schüler, sage ohne Scheu,
wie hoch dieselbe Linde sei!

XII.
Johann Christoph Schäfer
Der junge Hirt
Ein junger Hirte ließ mit Freuden
1008 Schafe weiden,
Bis daß der Sonne letzter Strahl
Entwich aus seinem grünen Thal,
Und grauer Abend war geworden.
Jetzt führte er sie in 12 Horden,
Doch so, daß jegliche 2 mehr
enthielt, als das nächstvor’ge Heer.
Sag‘, wieviel in die erste kommen,
Und jede andre aufgenommen?

[Weitere Aufgaben in Gedichtform
findet man in dem Büchlein:
Die Wunder der Rechenkunst
von Johann Christoph Schäfer,
Verlag Bernhard Friedrich Voigt, Weimar, 1857.]

XIII.
Zahlenrätsel

Eine Zahl hab ich gewählt,
107 dazugezählt,
dann durch 100 dividiert
und mit 4 multipliziert,
und zuletzt ist mir geblieben
als Resultat die Primzahl 7.

XIV.
Eugen Roth
Die Meister
Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber,
Ein anderer döst ihm gegenüber.
Sie reden nichts, sie stieren stumm.
Mein Gott, denkst du, sind die zwei dumm!
Der eine brummt, wie nebenbei,
Ganz langsam: Tc6-c2.
Der andre wird allmählich wach
Und knurrt: Da3-g3, Schach!
Der erste weiter nicht erregt,
Starrt vor sich hin und überlegt.
Dann plötzlich, vor Erstaunen platt,
Seufzt er ein einzig Wörtchen: matt!
Und die du hielst für niedre Geister
Erkennst du jetzt als hohe Meister.

XV.
K. Näther
Der Satz des Thales
Ein Kreisdurchmesserendpunkt meint,
dass seine Lage nutzlos scheint.
Dies ihn verdrießt. Drum er sich rafft
zum Ausbruch auf auf Wanderschaft.
Er geht in froher Art und Weise
entlang des Umfangs von dem Kreise.
Und weil es sich beim Wandern schickt,
dass man in die Umgebung blickt,
bemerkt er, seine Heimatstatt,
sieht stets er unter 90 Grad!
„Guck an“, sagt er ganz unbekümmert
und sich des Thalessatz‘ erinnert…

XVI.
H. Pätzold
(frei nach J. W. von Goethe)
Das moderne Hexeneinmaleins
Aus 5 mach 5, mach 2, mach 3
das schützt euch vor dem Einerlei.
Die 6 bleibt 6 und wird zur 9
das scheint die Hexe zu erfreu’n!
Und aus der 7 mach die 8
das ist mit viel Verstand gemacht!
4 wird zur 4 – oder zur 7
nun sind uns nur noch 2 geblieben!
Aus 6 mach keins – aus 2 mach 1
das ist das Hexeneinmaleins!

XVII.
Zahlenrätsel (engl.)

In Randwick, the cats, I declare,
They number one third of a square.
If a quarter did roam,
Just a cube would stay home.
How many, at least, must be there?

XVIII.
K. Näther
Der Satz des Pythagoras
Ein Dreieck, lebend voll des Dünkels
des Habens eines rechten Winkels,
sich die Quadrate, artvertraut,
sofort auf jede Seite baut.
Ganz aufgetakelt tut es stehen
und meint, schön sei es anzusehen.
Denn die Katheten, so quadriert
und danach beide aufsummiert,
sind gleich dem – nach des Satzes Flusse –
Quadrat von der Hypotenuse.
Und der Beweis läuft ohne Mühe
ganz einfach unter’m Wörtchen siehe:
Pythagorasbeweis
Pythagoras, verehrt, bewundert,
so lebte v. Chr. fünfhundert.

XIX.
Adalbert von Chamisso
Vom pythagoreischen Lehrsatz
Die Wahrheit, sie besteht in Ewigkeit,
Wenn erst die blöde Welt ihr Licht erkannt;
Der Lehrsatz nach Pythagoras benannt
Gilt heute, wie er galt zu seiner Zeit.

Ein Opfer hat Pythagoras geweiht
Den Göttern, die den Lichtstrahl ihm gesandt;
Es taten kund, geschlachtet und verbrannt,
Einhundert Ochsen seine Dankbarkeit.

Die Ochsen seit dem Tage, wenn sie wittern,
Dass eine neue Wahrheit sich enthülle,
Erheben ein unmenschliches Gebrülle;

Pythagoras erfüllt sie mit Entsetzen;
Und machtlos sich dem Licht zu widersetzen
Verschließen sie die Augen und erzittern.

XX.
R. S. (?)
Die Angst der Ochsen
Als seinerzeit im alten Griechenland,
wo Weise gerne von sich reden machten,
Pythagoras zu seinem Lehrsatz fand,
ließ er vor Freude hundert Ochsen schlachten.
Seither, so heißt es, fangen überall
auf dieser Welt die Ochsen an zu zittern,
wenn sie, wie im erwähnten Beispielsfall,
das Werden einer neuen Wahrheit wittern …

XXI.
Christian Morgenstern
Die zwei Parallelen
Es gingen zwei Parallelen
ins Endlose hinaus,
zwei kerzengerade Seelen
und aus solidem Haus.

Sie wollten sich nicht schneiden
bis an ihr seliges Grab:
Das war nun einmal der beiden
geheimer Stolz und Stab.

Doch als sie zehn Lichtjahre
gewandert neben sich hin,
da wards dem einsamen Paare
nicht irdisch mehr zu Sinn.

War’n sie noch Parallelen?
Sie wusstens selber nicht, –
sie flossen nur wie zwei Seelen
zusammen durch ewiges Licht.

Das ewige Licht durchdrang sie,
da wurden sie eins in ihm;
die Ewigkeit verschlang sie
als wie zwei Seraphim.

XXII.
Ehrenfried Winkler
Üben, üben und nochmals üben
Der Mensch – der Wissenschaft verschrieben –
der Mathematik auch betrieben,
hat sich Gehilfen bald ersonnen
und damit neuen Schwung gewonnen.
Von Formeln, Tafeln und Maschinen
ließ er sich immer mehr bedienen.
Sie alle halfen überwinden
die Unbekannten aufzufinden.
Als Krönung galt nun der Computer,
ein superschneller Rechenbruder,
der zuverlässig alle Größen
in Windeseile konnte lösen.
War er am Anfang groß, gewaltig,
gab’s ihn bald viel – und taschenfaltig.
Und jedermann war hell begeistert,
was dieser Bruder für ihn meistert.
Doch was er nie und nimmer brachte,
dass er einmal so richtig lachte.
Dies sollte keinen je betrüben,
man muss es selbst nur weiter üben.

XXIII.
Erich Kästner
Niedere Mathematik
Ist die Bosheit häufiger
oder die Dummheit geläufiger?
Mir sagte ein Kenner
menschlicher Fehler
folgenden Spruch:
„Das eine ist ein Zähler,
das andere Nenner,
das Ganze – ein Bruch!“

XXIV.
Heinz Erhardt
Der Unfall des Mathematikers
Es war sehr kalt, der Winter dräute,
da trat – und außerdem war’s glatt –
Professor Wurzel aus dem Hause,
weil er was einzukaufen hat.

Kaum tat er seine ersten Schritte,
als ihn das Gleichgewicht verließ,
er rutschte aus und fiel und brach sich
die Beine und noch das und dies.

Jetzt liegt er nun, völlig gebrochen,
im Krankenhaus in Gips und spricht:
„Ich rechnete schon oft mit Brüchen,
mit solchen Brüchen aber nicht!“

XXV.
Höhere Mathematik
Hier sieht man den Mathelehrer,
der so gern Beamter wäre –
heute kürzt der Zahlenkenner
fleißig Zähler und auch Nenner;
morgen merkt er sehr bestürzt,
ist er selber weggekürzt …

XXVI.
N. Landes, J.-P. Lindner, S. Prost
Schreibwettbewerb für Schulen
im Goethe-Jahr 1999
Der junge Goethe und die Mathematik
Kommt der tolle Mathelehrer,
Uns nun die Klausur zu geben.
Herz und Geister werden schwerer,
Und ich will nun nicht mehr leben.
Walle! walle
Manche Strecke,
Durch Gerechne
Tangens Alpha
Ach du Scheiße
Dann der volle Zahlenschwalle
Sich als Kurve doch erweise.
Des Lehrers Wort und Werke
Merkt ich und zum Schluss
Schrieb ich ohn‘ Geistesstärke,
Was auf den Spikker muss.
Vor fremden Augen wohl verborgen
Liegt mein kleines Helferlein,
Um für Formeln schnell zu sorgen.
Präg‘ mir doch dein Wissen ein!
Warte! warte
Bin in Eile
Noch ’ne Zeile
Nimm die eine Seit, die rechte
Und die linke zum Quadrate
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Seht da kommt auch schon wieder,
Muss wohl seine Runden drehen.
Und nun sinkt mein Mut hernieder.
Wird er mich wohl übersehen?
Aber nein, er kommt behende
Von der Lauer hinter mir,
Bringt mir so das jähe Ende,
Und entreißt mir das Papier!
In die Ecke
Böses Wesen
Bist’s gewesen
Denn als Helfer
Nahmest du zu deinem Zwecke
Krumme Mittel für die Strecke!

Inhaltsübersicht:

Pirabel